Autor und Journalist
Schach war, in meiner Kindheit in den 80er-Jahren, ein fesselndes Mysterium geheimen Wissens, zu dem vorwiegend eine kleine Elite sowjetischer Großmeister Zugang hatte.

Zur Vorbereitung wichtiger Kämpfe wurden landesweit Sekundanten herbeigeholt. Als Top-Experten berieten sie zu Nischen-Themen wie der Holländischen Verteidigung oder Endspielen mit ungewöhnlicher Materialverteilung.
1989 schlug Kasparow die Maschine Deep Thought souverän. Er bewies damit, dass menschliches Schachverständnis der reinen Rechenleistung noch überlegen war.Im gleichen Jahr wurde ich 5 Jahre alt und bekam das Buch „Bobby Fischer lehrt Schach“ geschenkt. Ich konnte gerade lesen und habe das Buch verschlungen. Da ich danach deutlich besser spielte, habe ich sofort meinen ersten Schachpartner vergrault: Papa spielte nicht mehr mit mir.
Dennoch, die Liebe zum Spiel ließ mich, genau wie der Ehrgeiz, nicht mehr los.
Wie konnte ich in meiner Volksschulzeit besser werden? Wie sollte ich mir die richtige Methodik aneignen? Ohne Lehrer, Schachverein oder Computer? Die Partien, die mein bester Freund und ich in den Pausen spielten und die Geschichten aus „Die Großmeister des Schach“, die meine Mama zum Einschlafen vorlas, waren wohl die ersten Schritte.
Ab dem Gymnasium zog das Tempo an: Jugend-Landesmeisterschaft, Jugend-Vizestaatsmeister, Jugend-EM-Teilnahme, ein tschechischer Trainer, der mich einmal die Woche trainieren kam. Und Bücher, wie „Mein System“ von Nimzowitsch, waren ab jetzt zum Studieren da.
Die Liebe zum Spiel bleibt der Kern. Kunst und Literatur verweben sich im Schach – und genau darin finde ich meine Verbindung zur Menschheit.
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